Epidemiologie

Am häufigsten kommt Anorexia nervosa im Alter von 12-25 Jahren vor. Die Gruppe der Betroffenen teilt sich in etwa 90% Mädchen/Frauen und 10% Jungen/Männer auf. 


Gemessen an der Gesamtbevölkerung sind ca. 1% der jungen Frauen betroffen. Das entspricht ca. 100‘000 Fällen in Deutschland pro Jahr. Ca. 7'000 PatientInnen werden in Deutschland pro Jahr stationär in Krankenhäusern und psychiatrischen Einrichtungen behandelt. 



Definition nach ICD-10

Die Abkürzung ICD steht für „International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems“ und kann als ein von der WHO entwickeltes Klassi­fi­ka­tion­ssystem für (u.a. psychische) Erkrankungen be­zei­ch­net werden. Darin sind u.a. beschrieben, welche Symptome wann, wie häufig und in welchem Ausmaß vorkommen müssen, um eine bestimmte Krankheit diagnostizieren zu können.


Essstörungen zählen, wie auch Schlaf- und Sexual­stö­rung­en, zu den Verhaltensauffälligkeiten mit körper­lichen Störungen und Faktoren.




Zu den Symptomen von Anorexia nervosa zählen: 

  • Absichtlicher / selbst herbei geführter Gewichtsverlust
  • Verzerrte Selbstwahrnehmung als „zu fett“, verbunden mit einer sich aufdrängenden Furcht zu dick zu werden oder eine zu schlaffe Körperform zu haben
  • Häufige Unterernährung unterschiedlichen Schweregrades, die sekundär zu endokrinen und metabolischen Veränderungen und körperlichen Funktionsstörungen führt


  • Eingeschränkte Nahrungsaufnahme
  • Übertriebene körperliche Aktivität
  • Ggfs. selbst induziertes Erbrechen, Abführen und der Gebrauch von Appetitzüglern und Diuretika




Abgrenzung zur Bulimie

Es werden bei Magersucht zwei Typen unterschieden, der „purging type“ (aufgenommene Kalorien wieder loswerden) und der „asketische Typ“ (Kalorien werden erst gar nicht aufgenommen). Es kann also durchaus auch bei Magersüchtigen vorkommen, dass sie aufgenommene Nahrung wieder erbrechen.


Von der Anorexia zu unterscheiden ist die Bulimie, deren Bild von regel­mäßigen Fress-Brechanfällen gekennzeichnet ist. Zwar berichten auch Magersüchtige von solchen Essanfällen, doch die aufgenommene Menge ist eine andere. Für eine/n Anorektiker/in kann schon der Verzehr eines Bruchteils dessen, was für gesunde Menschen eine normale Mahlzeit ist, als Essanfall gelten. Personen, die an Bulimie leiden, können bei einem solchen Essanfall große Mengen verschlingen. In beiden Fällen besteht häufig ein als quälend empfundener Kontrollverlust. Anschließend treten häufig extreme Schuldgefühle auf, denen dann ggfs. mit selbstinduziertem Erbrechen begegnet wird. Für die Diagnose „Bulimie“ ist außerdem eine gewisse Regelhaftigkeit der Ess-Brech-Anfälle ein Kriterium.

  

Darüber hinaus bestehen bei beiden Formen Mischformen. Dabei handelt es sich um Störungen, die einige Kriterien der Anorexia nervosa sowie einige Kriterien einer anderen Störung erfüllen.


Gesundheitliche Risiken und Erfolgsaussicht bei Anorexia nervosa:

Zu nennen sind u.a. Kaliummangel und Herzrhythmusstörungen, sowie ein Absinken des Stoffwechsels, des Pulses, des Blutdrucks und der Körper­temperatur (Müdigkeit, Frieren, Verstopfung). Trockene Haut, brüchige Fingernägel, Ausbleiben der Menstruation, in extremen Fällen Ver­än­der­ungen in der Körperbehaarung können vorkommen. Bei jahrelanger Mangel­ernährung kann es unter Umständen zu Osteoporose mit erhöhtem Risiko von Frakturen kommen.


Die Prognosen sprechen bei ca. 1/3 aller Fälle von einer Spontanremission, bei 1/3 heilt die Krankheit nach einer Behandlung und 1/3 entwickeln eine bleibende Sucht. 10% der Betroffenen überleben die Krankheit nicht.


Die häufigste Todesursache bei Magersucht ist Suizid.



3 von vielen gängigen Fehlannahmen:

1.  Magersucht sei ein körperliches Problem:
Magersucht ist eine psychische Krankheit, keine körperliche. Das Untergewicht ist das Symptom, nicht die Ursache. 

In einigen Foren im Internet wird das Gewicht - und leider fast ausschließlich das Gewicht - heiß diskutiert. Doch damit bleibt das Gespräch nur an der Oberfläche. An Magersucht erkrankte Menschen können lernen, ihr Essverhalten zu kontrollieren und ein Normalgewicht zu halten. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass die Krankheit besiegt ist. 


Dementsprechend ist es eine Fehlannahme zu glauben, dass ein (wieder) normalgewichtiger Mensch nicht an Anorexia nervosa leiden könnte.



2.  Kern der Krankheit sei ein missverstandenes Schönheitsideal:
Ja und Nein. Zwar entspricht eine schlanke Figur dem gegenwärtigen Schönheitsideal unserer Gesellschaft und Anorektiker/-innen streben nach einem möglichst schlanken Körper. 

Doch das ist nur ein ober­fläch­licher Teil des Problems. Im Kern geht es um eine Bewältigung von zu viel psychischem Druck, verbunden mit einem zu geringen Selbst­wert­gefühl und einem starken Bedürfnis nach Kontrolle und Sicherheit. 

Die klare Botschaft der Magersucht: hast Du Dich selbst im Griff, hast Du dein Leben im Griff. Diese einfache Erklärung verkompliziert den Genesungsprozess.  


3.  Magersüchtige müssten doch merken, dass sie sich selbst schaden:

Nicht notwendigerweise. Vielen fehlt insbesondere zu Beginn die Krank­heits­einsicht und später der Wille, den Tatsachen ins Auge zu sehen. Trotzdem ist den meisten Betroffenen klar, dass sie den Bereich des Normalen verlassen haben. 

Darüber hinaus haben Magersüchtige eine verzerrte Selbstwahrnehmung. Sie sehen und fühlen sich buchstäblich breiter und dicker, als sie tatsächlich sind. Eine wahre Fehleinschätzung der eigenen Körperwahrnehmung. 


Zu guter Letzt wirken von Anorexie betroffene Personen nach außen hin zwar häufig leistungsstark, selbstbestimmt, diszipliniert und erfolgreich. Doch auch hier nehmen sie sich selbst anders wahr: Wurde gegen eine der selbst­auferlegten, rigorosen Regeln verstoßen, folgen meist Scham- und Schuld­gefühle, die konstant (Tag und Nacht) im Bewusstsein gehalten werden.




Das Ziel ist...


... dass Betroffene die Krankheit eines Tages hinter sich lassen können, so als hätten Sie nie ein Problem gehabt: keine Angst vor Mahlzeiten mehr, keine Angst mehr vor der Waage, keine Angst vor potenziellen Rückfällen, keine Einschränkung des Lebens (weder körperlich, noch psychisch), keine irreparablen gesundheitlichen Schäden, kein Bangen um wer wann was sagen könnte etc. Stattdessen: Freiheit, liebevolle Beziehungen, Lebensfreude, eine innere Stärke, die unabhängig von der Befolgung selbst gesetzter Regeln ist uvm. 
Damit das gelingt, braucht es eine klare, kraftvolle Entscheidung für das eigene Leben seitens der Betroffenen im Sinne von: "Ja, ich will leben und zwar ohne mein Monster." Diese Entscheidung kann einem niemand abnehmen.
An dieser Stelle soll allen, die selbst unter Magersucht leiden, Mut gemacht werden. Ein Leben ohne Magersucht will hart erkämpft sein, aber es ist jede Träne wert.
Der Magersucht zu entrinnen erfordert eine unendliche Willenskraft, Durchhaltevermögen und Konsequenz. Magersucht wird von manchen Anorektiker:innen als der beste oder "einzig wahre Freund" bezeichnet. Diese "Freundschaft" zu kündigen ohne klare Vorstellung dessen, was dadurch gewonnen werden kann, fordert einen riesigen Sprung ins Ungewisse. Ist es das wert? In einem Wort: JA.